Aufruf für ein Moratorium zum Eichplatz in Jena

Unbehagen befällt uns und viele andere mit der zu erwartenden Entscheidung zum Eichplatz. Die fast 20-jährige Geschichte der Entstehung des jetzigen Bebauungsplans ist sowohl in der Verwaltung als auch im Stadtrat immer wieder von anderen Köpfen geprägt worden. All diesen Köpfen ist nichts Böses zu unterstellen. Entstanden ist daraus aber ein Sammelsurium an Ideen, die dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Beschlüsse gegossen wurden. Es ist daher durchaus nachvollziehbar, dass die jetzigen Verantwortlichen einen Schlussstrich ziehen wollen: Einen Rahmen setzen, die Baufelder an Investoren verkaufen, bauen und Basta.

In der Begründung zum 4. Entwurf Bebauungsplan Eichplatz heißt es: „Geplant ist ein modernes Stadtquartier, in dem Jena als Wissenschafts- und Technologiestandort eine adäquate räumliche, funktionale und architektonische Ausdrucksform findet.“ Wer sich die Mühe macht, die auf den Stadtratsseiten frei zugänglichen Unterlagen anzusehen bzw. sich mit den Auslegungen, Gutachten und Beratungen beschäftigt hat, dem fallen die ungeklärten Fragen ins Auge.

Stadtplanung als Gesamtkunstwerk
Wodurch definiert sich Jena, die Lichtstadt, der Wissenschafts- und Technologiestandort? Was macht diese Stadt attraktiv? Vor Jahren gab es Überlegungen, das Stadtzentrum diagonal vom Volkshaus bis zu dem neu entstandenen Verwaltungscluster am Anger zu denken und zu entwickeln. Erst dann wäre zu entscheiden, wie der Eichplatz bebaut wird. Ein Gesamtplan ist für den Bürger aber nicht zu erkennen. Was wird aus dem Inselplatz, dem Steinweg? Wo ist ein zukunftsträchtiges Verkehrs- und Parkraumkonzept? Wo bleibt das Kunsthaus, um die Schätze der Stadt würdig präsentieren zu können? Wo bleiben Licht, Luft und Sonne am Fuße des gigantischen Turmes oder vor der stadtbildprägenden Stadtkirche und dem Rathaus? Wo werden zukünftig Märkte, Feste und andere Veranstaltungen stadtfinden? Welche Folgen werden die innerstädtischen Veränderungen haben? Keine der Fragen ist wirklich beantwortet.

Einkaufsstadt Jena
Urbanität bedeutet mehr als Shoppen! Jena war nie eine sogenannte Einkaufsstadt und muss es auch nicht werden. Wir sind weder Leipzig, noch Dresden, noch Erfurt. In den 90er Jahren ist mit der Spätschen Vision die Goethegalerie als ein hervorragend gelungenes innerstädtisches Einkaufszentrum entstanden. Die „Neue Mitte“ hat dem nie das Wasser reichen können. Gegen Konkurrenz im Handel und in der Gastronomie durch Ergänzung ist nichts einzuwenden. Aber brauchen wir wirklich ein weiteres Einkaufszentrum? Wer sehenden Auges durch das Stadtzentrum geht, der sieht jetzt bereits Leerstand, dessen Ursache sicher vielschichtig ist. Die Auswirkungen des zunehmenden Internethandels sind eine weitere Unbekannte hinsichtlich des Kaufverhaltens der Bürger. Darf man überhören, wenn Dr. Bauer, der das Einzelhandelsgutachten am 05.09.2013 im Rathaus vorstellte, sagt: „Die Verträglichkeitsschwelle wird überschritten.“ „Wenn Sie das so machen, müssen Sie mit Leerständen rechnen.“ „Städtebauliche Auswirkungen sind nicht zu vermeiden“. Darf es egal sein, welche Auswirkungen durch eine überdimensionierte Ausweitung der innerstädtischen Verkaufsflächen auch für Winzerla und Lobeda oder das Umland zu erwarten sind? Die unausgegorenen Verkehrsplanungen (Ein- und Ausfahrt für alle Kunden, Bewohner, Arbeitnehmer über die Kollegiengasse; die Weigelstraße nur noch als Ein- oder Ausfahrt zu einer Tiefgarage; keine ausreichende Berücksichtigung des zu erwartenden Lieferverkehrs; zu wenige nahegelegene Kundenparkplätze für gewollt steigende Kundenzahlen), haben so viele Fragen aufgeworfen, dass einzelne Stadträte fast aller Parteien in der Sitzung am 11.09.2013 Bedenken äußerten.

Bebauung des Eichplatzes JA, aber nicht so
Gegen eine Bebauung des Eichplatzes gibt es wenige Stimmen. Aber die Sorge um „verwechselbare Betonkästen“, die in 30 Jahren so aussehen wie manche Nachkriegsbetonbauten in den Städten der alten Bundesländer, treibt viele um. Da reicht auch ein Blick vom Markt auf die Dachgeschosse des „Papageienhauses“. Knackpunkt ist möglicherweise der in den 90er Jahren gefasste Beschluss, bei der Bebauung des Eichplatzes den mittelalterlichen Baulinien zu folgen. Ja, es ist richtig, dass der Krieg die Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hat. Aber es ist auch richtig, dass 1972 der Turm gebaut wurde, der dem Eichplatz ein anderes und besonderes innerstädtisches Raumempfinden und Gepräge gibt, unabhängig davon ob einem das gefällt oder nicht. Die Bürger dieser Stadt haben Anfang der 90er Jahre entschieden, den Turm zu belassen.

Jahrhundertaufgabe
Vielleicht ist es tatsächlich eine Jahrhundertaufgabe, zwischen Alt und Neu eine Harmonie herzustellen. Zu bezweifeln ist, dass der jetzige Bebauungsplan dies leisten kann. Massiv überbauter Raum. Schmale Gassen. Viel klinisch steriles Pflaster. Kaum Grünflächen. Unterbrochene Sichtachsen wie zwischen Rathausgasse und Weigelstraße. Eine 5 Meter breite Gasse zwischen Nonnenplan und „Eichplatz“, rechts und links von hohen Gebäuden eingegrenzt, die nach dem 4. Entwurf nun auch noch überdacht werden darf.

Wer im Internet zu dem Investor ECE ein wenig recherchiert, dem werden Bedenken kaum genommen: Glaubt wirklich jemand, dass ECE hier in Jena etwas Besonderes bauen will? Bei OFB/ jenawohnen sind ja wenigstens einige Architekten involviert, die weiterhin hier leben und arbeiten wollen. Die – wie man hören konnte – auch gern ein Kunsthaus integriert hätten.

Moratorium
Die Unwägbarkeiten hinsichtlich der Auswirkungen sind so groß, dass sich ein Moratorium lohnen würde. Was spräche wirklich dagegen, wenn der Eichplatz noch einige Jahre nicht bebaut wäre? Wenn man warten würde, bis sich der Ring schließt, also der Inselplatz bebaut wird, wirklich tragfähige Parklösungen gefunden werden, die Entwicklung des Internethandels besser abzuschätzen ist usw.. Was und wer treibt uns eigentlich? Warum das „Herz“ jetzt verkaufen, obwohl viele Fragen ungelöst sind? Beim Turmsockel hat man den fehlenden Einfluss vor Augen. Jörg Schneidereit hat im September 2012 in einem Leserbeitrag formuliert: „Die Entwürfe zeigen nur, dass die Zeit auch nach 20 Diskussionsjahren noch immer nicht reif ist. Dann lieber weiter parken und sparen, bis etwas wirklich Schönes, Echtes gebaut werden kann.“ Dem ist nur hinzuzufügen: Etwas, das der Lichtstadt zur Ehre gereicht. Es ist unsere Stadt.

Erstunterzeichner
Dr. Eva Bartsch, Birgit Dorschner, Prof. Stephan Dorschner, Siegfried Ferge, Aloise Gombault, Dr. Rüdiger Grunow, Rosa Maria Haschke, Olaf Horn, Prof. Gisela Klinger, Prof. Gottwalt Klinger, Martina Koch, Susanne Kodalle, Brigitta Kögler, Sten Lindner, Werner Mautsch, Dr. Wolfgang Meyer (Ehrenbürger), Dietrich Mittenzwei, Ulf Raddatz, Rainer Raithel, Marianne Scholz, Horst Schröder, Dieter Siegel, Ralf Stegmann, Dr. Domenik Stehr, Martina Stehr, Stephan Wilfert

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